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Die Inkluse Annora

Im Kirchenführer der Marienkirche in Iffley wird eine rätselhafte Person namens Annora erwähnt, die als Einsiedlerin im 13. Jahrhundert neun Jahre eingeschlossen in einer Zelle neben der Kirche lebte, eine sogenannte Inkluse. Eine solche Lebensweise ist uns so fremd geworden, dass es zu erkunden lohnt, wer sie war und was sie tat.

Sie wurde um 1179 geboren. Ihr Vater Wilhelm de Braose war einer der mächtigen Barone unter König Richard I (Richard Löwenherz) und König John (Johann Ohneland). Er hatte Ländereien in der englisch-walisischen Grenzregion und seine Frau Mathilda, eine temperamentvolle Person, brachte in die Ehe Besitz in der Nähe von Tetbury in Gloucestershire ein. Annora hatte 16 Brüder und Schwestern und die Auseinandersetzungen König Johns mit den Baronen gehörten ebenso wie Krieg gegen die Waliser zu ihrem Alltag als Heranwachsende. Nur sechs der Geschwister erreichten das Erwachsenenalter. Giles, einer der Brüder, wurde Bischof von Hereford, ihre Schwester Loretta Gräfin von Leicester und sie selbst heiratete Roger Mortimer. Ihre Mitgift bestand in dem Gebiet um Tetbury, das ihrer Mutter gehört hatte.

Ihr Vater unterstütze König John bei dessen Regierungsantritt, aber um 1207 brach ein heftiger Streit zwischen den beiden aus, und der König war so aufgebracht über Williams Haltung, dass er seinen Zorn an der gesamten de Braose-Familie ausließ. William de Braose wurde geächtet, Mathilda und ihr ältester Sohn wurden in Windsor Castle gefangengesetzt und starben am Hungertod. Lorettas Grundbesitz wurde beschlagnahmt, und sie floh mit Giles nach Frankreich. Annora und ihre vier jungen Neffen wurden in der Burg in Bristol eingesperrt.

Wir wissen von Annoras Gefangenschaft, weil es einen Freilassungsbefehl von 1214 gibt. Die Ängste, die Annora im Gefängnis ausstand, und ihre Verzweiflung darüber, dass ihre Mutter und ihr Brunder einen qualvollen Tod starben, während ihre eigene Zukunft und die ihrer Neffen völlig offen war, lassen sich nur ahnen.

Für die Jahre nach ihrer Freilassung können wir Informationen nur aus ihrem Fehlen erschließen: sie hatte offensichtlich keine Kinder und ihr Mann starb 1227. Ihre Schwester, Loretta, entschied sich für ein Leben als Inkluse und zog sich in eine Zelle bei Canterbury zurück. 1232 folgte Annora ihrem Beispiel und kam nach Iffley. Die Entscheidung für ein Einsiedlerleben war nicht so abwegig, wie es heutzutage erscheinen mag. Eine Zelle bei einer Kirche war der denkbar sicherste Ort, und Annora hatte mehr als genug Not und Gefahr erlebt.

Aber das ist nur ein Nebenaspekt. Nicht nur politischer Aufruhr und persönliche Aggressionen kochten hoch, sondern ebenso heftige religiöse Leidenschaften. Ein unbedingter Glaube beherrschte das Denken und mit ihm die unausweichliche Alternative von Himmel oder Hölle nach dem Tod. Viele Menschen entschieden sich dafür, Gott in völliger Hingabe in einer Klostergemeinschaft zu dienen. Aber für Frauen gab es weit weniger Klöster als für Männer, und zahlreiche Frauen entschlossen sich für ein unabhängiges kontemplatives Leben. Diese Frauen wurden als Inklusen (von lateinisch ‘in-cludere’, einschließen) oder Einsiedlerinnen (das alte ‘Ein–’ bedeutet “allein”, d.h. außerhalb des Verbands einer Familie oder eines Klosters lebend) bezeichnet; das englische Äquivalent ‘anchoress’ stammt vom griechischen ‘ana-chorein’, “sich absondern” (im mittelalterlichen England knüpfte sich daran die Volksetymologie zu ‘anchor’; Anchoress wäre ‘an einer Kirche vor Anker gegangene’ Frau); die für Männer häufiger gebrauchte Bezeichnung Eremit bezeichnet den Ursprung des Einsiedlerwesens bei den Wüstenvätern — griechisch ‘eremos’ ist “die Wüste”. (Im Zeitraum vom 12. zum 13. Jahrhundert gab es 92 weibliche und nur 20 männliche Inklusen in England).

TEs gab genaue Vorschriften für das Leben einer Inkluse. Sie wurde unter den Schutz eines Bischofs gestellt, der vor diesem Schritt sich persönlich davon überzeugen musste, dass sie entschlossen war, bis an ihr Lebensende in der Zelle zu bleiben

Der Bischof musste auch überprüfen, dass ihre Versorgung gesichert war. Annora wurde ihre Mitgift zugestanden, die sich auf 100 Schilling im Jahr belief. Zusätzlich waren Geschenke zu erwarten, sicher auch von den Bewohnern von Iffley. Urkunden bezeugen, dass Henry III fast jedes Jahr veranlaßte, Eichen aus dem Shotover-Wald als Feuerholz an Annora, “the recluse of Iftele”, als Geschenk des Königs zu schicken. Bei einer Gelegenheit sandte er auch einen Sack voll Korn, ein andermal ein Gewand und schließlich Balken für Bauarbeiten.

Auf dem Boden ihrer Zelle muss man sich eine steinerne Sargplatte vorstellen, eine beständige Erinnerung an den Tod. Die Zelle selbst muss aus Holz oder Stein gewesen sein, von der Erscheinung eher wie ein kleines Haus. Unter Umständen war ein Fenster durch die Kirchenwand gebrochen, das den Blick in den Altarraum freigab, so dass sie den Altar sehen und das Sakrament empfangen konnte. Es gab ein zweites Fenster, das nach außen ging und durch das sie sich mit Besuchern unterhalten konnte, und das gewöhnlich durch einen Vorhang abgeschirmt war, um sie nicht in der Konzentration auf das Gebet zu stören.

Sie durfte die Zelle nicht verlassen, aber es gab einen angrenzenden Raum, in dem eine oder sogar mehrere Dienerinnen lebten und für sie kochten, für sie Wasser holten und das Feuer schürten. Ihr Leben sollte nicht harte Askese bedeuten, sondern den Verzicht auf Überfluß und Ablenkung. Eine der Mägde konnte auch in das Dorf gehen, Leute besuchen und wichtige Nachrichten und Neuigkeiten überbringen. Der örtliche Priester wird sich um ihr geistliches Leben gekümmert haben, und sie hatte bestimmt Bücher zur Verfügung: die Psalmen, Offizien und geistliche Betrachtungen, ebenso wie Schreibmaterial.

Nach 1241 sind keine Geschenke an sie mehr bezeugt, so dass angenommen werden kann, dass sie zu der Zeit starb, und dass sie unter dem Stein begraben wurde, der Teil ihres Zellenbodens gewesen war.

Annora mag sich als Inkluse zurückgezogen haben, um als Witwe einen sicheren Hafen in einer turbulenten Welt zu erreichen; aber ein ganz auf Betrachtung und Kontemplation ausgerichtetes Leben konnte nur von jemandem gewählt werden, der sich bewußt darauf einließ. Sie wird Tag für Tag mit dem Blick auf den Altar in der Zelle die Psalmen gebetet, mit Heiligen 뱔 und v.a. dem Marienleben meditiert haben und die klösterlichen Stundengebete verrichtet haben. Die Innenwelt bildete ihre Realität, und diese umfasste auch heute befremdlich erscheinende Elemente: die Bereitschaft, an einem einzigen Ort zu bleiben, sich von der Gemeinschaft mit fast allen Menschen abzuschneiden, den Tod immer vor Augen und im Sinn zu haben und jedes Verlangen außerhalb des Gebetslebens aufzugeben. Das muss zeitweise hart gewesen sein, ja fast unmöglich erschienen, aber auf diese Phasen folgte ebenso wahrscheinlich wieder eine Zeit der Erfüllung und der inneren Freude

Frauen wie Annora lenkten die Aufmerksamkeit der Kirche auf die Bedeutung des inneren Lebens und waren dafür verantwortlich, dass sich zu ihren Zeiten eine eigene kontemplative Tradition entwickelte. Schriften Annoras sind nicht bezeugt, aber im folgenden Jahrhundert lebte Julian von Norwich ein solches Leben vor, und ihre Texte sind bis heute eine Quelle der Inspiration.

Ruth Nineham (übersetzt von Henrike Lähnemann)

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